Platt und die Diendorfer Störung

Platt liegt inmitten der sog. Diendorfer Störungszone am SO- Rand der Böhmischen Masse. Der Verlauf dieser Störung erstreckt sich vom Raum Wieselburg in nordöstlicher Richtung annähernd geradlinig entlang des unteren Melktales (Melkfluß) über Melk, folgt dem Wachaueingang, dann dem Aggsbach und dem Halterbach und führt weiter über Mautern und Krems in Richtung Maissau am Manhartsberg. Von hier weicht die Störungslinie nach Norden aus und nähert sich dann der tschechischen Grenze. Im Gemeindegebiet von Platt wurde eine Anzahl von Setzungserscheinungen an Häusern (Mauerrisse und Sprünge leichter bis schwerster Form) und im freien Gelände gefunden, die mit einem Vorgang im Untergrund in Zusammenhang gebracht werden können, der mit der Diendorfer Störung verknüpft zu sein scheint. Geologisch gesehen befindet man sich in Platt und Umgebung an der Grenze zwischen Böhmischer Masse und Löß. Alle betroffenen Gebäude befinden sich entlang der Landesstraße Zellerndorf- Platt- Roseldorf im Ortsgebiet von Platt und scheinen entlang einer Linie, die annähernd N- S verläuft, zu "brechen" oder Schaden zu nehmen. Platt liegt an der geradlinigen Verlängerung der Diendorfer Störung nach NO über Maissau ca. 15km hinaus.

Zitiert nach dem Artikel "Geophysikalische Untersuchungen an der Diendorfer Störung" von H. Figdor und A. E. Scheidegger, in: Verh. Geol. B.- A., Jahrgang 1977, Heft 3, S. 243- 270.

 

Auch der Paläontologe Thomas Hofmann berichtet in seinem Buch "Sagenhaftes Niederösterreich. Eine Spurensuche zwischen Mythos und Wahrheit", Wien 2000, über die Auswirkungen der Diendorfer Störung in Platt.

 

Artikel von Leopold Lukschanderl in der "Wiener Zeitung" vom 30. Juli 1976:

Im Dörfchen Platt "lebt" die Erde

Eine Burg am Rand des Waldviertels versank im Boden
Die auffälligste geologische Störungslinie Österreichs ist nach wie vor aktiv

Schlösser und Burgen, die auf Nimmerwiedersehen im Erdboden verschwinden, sind ein beliebtes Stilmittel in Märchen und Sagen. Meist ist ein Fluch, ein Bann oder sonstiges okkultes Hokuspokus im Spiele. Also fauler Zauber? Das muß nicht immer der Fall sein. Selbst seriöse Wissenschafter werden bei der Beurteilung mancher Fälle nachdenklich und still. Ein Beispiel dafür liegt an der Grenze zwischen Wald- und Weinviertel, rund 80km von Wien entfernt. In der Nähe der kleinen Ortschaft Platt bei Retz in Niederösterreich erhebt sich der Sandberg, ein kleiner Hügel. Mugel sagt der Niederösterreicher dazu. Auf diesem Hügel stand noch im 17. Jahrhundert eine kleine Burg. Das ist durch Urkunden, die in der Stiftsbibliothek von Melk aufbewahrt werden, zweifelsfrei belegt. Von dieser Burg ist kein Stein mehr vorhanden. Heimatforscher haben die Erde nach Spuren dieses Bauwerkes durchwühlt. Der Erfolg war gleich Null. Also ist die Burg doch im Boden versunken?

SPALTEN REISSEN AUF
Tatsache: Sie ist: Geophysiker, die diese Gegend genau untersucht haben, glauben auch zu wissen, warum. "Am Südostrand der aus Gneisen bestehenden Böhmischen Masse verläuft wie mit einem Lineal gezogen die Diendorfer Störung", berichtet Prof. Dr. Adrian Scheidegger, Vorstand des Instituts für Geophysik der Technischen Universität Wien. An dieser vermutlich unbewegten Gneisscholle dürfte sich nun die angrenzende Lößscholle des Weinviertels vorbeibewegen. Durch diesen Vorgang werden aber im Untergrund Spalten aufgerissen, die in einem Winkel von 30 bis 45° zur Störungslinie klaffen.
Diese Spalten haben nun auf die Oberfläche verschiedene Wirkung. Harald Figdor, Dissertant bei Prof. Scheidegger, berichtet: "Es kann einmal zu Auflockerungen des Bodens kommen. Die Folge: Bauwerke senken sich ab, zeigen Risse oder fallen zusammen. Manchmal stürzen ganze Parzellen mehrere Meter in die Tiefe und das Material verschwindet in unterirdischen Hohlräumen. Darüber hinaus kann es zu Veränderungen im Grundwasserspiegel kommen. Trockene Flächen werden plötzlich feucht, oder auch umgekehrt."

Schwere Schäden an den Gebäuden
Wer die Realität in dem kleinen Dörfchen Platt kennt, der kann sich auch durchaus vorstellen, daß einmal eine ganze Burg in der Unterwelt verschwunden ist. Dissertant Figdor hat Folgendes erhoben:

  • 1942 stürzte in einer Nacht ein ganzer Weingarten rund drei Meter in die Tiefe.
  • Die in den fünfziger Jahren erbaute ehemalige Dorfschule ist mit Rissen übersät. Obwohl sie bereits dreimal nachfundamentiert wurde, treten immer wieder neue Schäden auf.
  • Beim Ausheben eines Kellers bei einem Neubau versackte der Bulldozzer plötzlich grundlos bis über die Raupen und mußte geborgen werden.
  • Viele Häuser des Dorfes weisen schwere Schäden auf, neue Ziegelmauern neigen sich, in manchen Gebäuden klaffen handbreite Risse. Ein alter Stall ist in der Mitte auseinandergebrochen. Ein Teil liegt jetzt mehr als einen halben Meter tiefer.
  • Die Trasse der Nordwestbahn muß in diesem Bereich mindestens zweimal im Jahr überholt werden. Brücken zeigen ebenfalls Risse. Das Bahnhofsgebäude in Zellerndorf bei Retz ist erst stabil geworden, seit man es vor ein paar Jahren auf Piloten gestellt hat. Eine an einem Hang angelegte Trasse der Franz- Josef- Bahn mußte über 70m tief fundamentiert werden, um sie endgültig zu sichern.

"Wenn die Bauern auf ihren Äckern am "Salzfeld" nach dem Pflügen über Nacht das Abheben von ganzen Schollen beobachten, dann spielt hier kein Aberglaube und keine optische Täuschung mit", betont Prof. Scheidegger. "Das passiert dort tatsächlich." Denn hier, am Rand der Böhmischen Masse, liegt die derzeit auffälligste geologische Verwerfung Österreichs, wo Seismologen nördlich der Störungslinie auch immer wieder kleinere Erdbeben registrieren.
Die Bevölkerung hat sich an die geheimnisvollen Vorgänge seit langem gewöhnt und bessert die an den Gebäuden entstehenden Schäden immer wieder geduldig aus. Für die Wissenschaft stellt diese Anomalie aber zweifellos ein fündiges Forschungsgebiet dar.

 

[ Das Dorf ]