Das elektrische Licht (1925)

Der elektrische Strom ist heute als Energiequelle aus Haushalt und Wirtschaft nicht mehr wegzudenken. Wer sich noch an die Zeit vor den 20er Jahren erinnern kann, weiß wohl, wie man auch ohne Strom auskommen müßte: mit Petroleumlampe, Kerze und vor Jahrhunderten dem Kienspan. In der Handhabung bequemer und lichtstärker ist natürlich die elektrische Glühbirne, die in der Großstadt am Anfang unseres Jahrhunderts sogar die junge Gaslaterne verdrängte. Zur Stromerzeugung entstanden Dampf- und Dieselkraftwerke für die Stadtversorgung, bald aber Wasserkraftwerke zur Versorgung größerer, auch ländlicher, Bereiche.

Nach dem Ersten Weltkrieg regte sich auch in unseren Dörfern der Wunsch nach dem "Elektrischen Licht": 1919 vermerkt das Gemeindeprotokoll "eine erste Besprechung wegen elektrischer Beleuchtung" in Zellerndorf. 1920 schloß sich Platt der Gründung einer "Gemeinnützigen Elektrizitätsgesellschaft" an, die aus 7 Gemeinden um Zellerndorf bestand. 1922 vereinigte sich diese mit der größeren "Haugsdorfer Elektrizitäts Gesellschaft (HEG)".

Mittlerweile entstand die landesweite "NÖ. Elektrizitätswirtschafts-AG (NEWAG)", der sich am 1. 6. 1923 gemeinsam mit den Nachbargemeinden auch Platt anschloß. Aufgabe der NEWAG war die Errichtung der notwendigen Wasserkraftwerke und des Überland-Stromleitungsnetzes. Die Ortsversorgung konnten die Gemeinden Privatfirmen überlassen. Den Bau des Platter Ortsnetzes vergab die Gemeinde an die Installationsfirma OESTEG (Österr. Elektrizitäts-Ges.). Durch Eigenleistung (Masten setzen, Fuhrwerksleistungen usw.) konnten die Interessenten Abschreibungen von ihren Kosten erreichen. Für die Hausinstallation war der Partei freie Wahl gelassen. Die Anschlußgebühr an den Stromversorger NEWAG richtete sich nach der Anzahl der "Stromauslässe" (Lampen). Daher wurde anfangs im Haushalt meist nur eine Lampe (in der Küche) installiert. 1925 war Platt elektrifiziert.

1925 bis 1928 führte die Gemeinde mit der OESTEG den sogenannten "Lichtprozeß". Es handelte sich um eine zusätzliche Forderung der Firma, die sich aus der damaligen Geldentwertung ergab, was die Gemeindeväter nicht einsehen konnten. Nach zwei Verhandlungen, durch die der Gemeinde schon Anwaltskosten von 200.000 Kronen (1925) und 1.500 S (1928) erwuchsen, kam es zum Ausgleich: Die OESTEG bekam noch 2.750 S.

Bald lernte man die Vorteile der Elektrizität schätzen, immer mehr Parteien ließen sich "das Licht einleiten", und immer mehr Räume wurden elektrisch beleuchtet. Auch der Elektromotor ließ nicht lange auf sich warten. Er sollte statt menschlicher oder Pferdekraft landwirtschaftliche und handwerkliche Maschinen antreiben. Dazu mußte der "Kraftstrom" ins Haus eingeleitet werden. Bald waren alle Dreschmaschinen mit elektrischen Antrieb versorgt. Die Elektrifizierung der Haushalte ging vorerst recht zaghaft voran. Sie fand eigentlich erst nach 1945 allgemeine Verbreitung: Elektroherd, Kühlschrank und allmählich alle anderen Küchengeräte, kostete doch alles viel Geld!

Ab 1956 entstanden drei Tiefkühlgemeinschaften mit je 20 Kühltruhen, die von einem Aggregat betrieben wurden (zwei im Milchhausschuppen und eine im Garten des jetzigen Kaufhauses Brunner). Als in den 70er Jahren die Reparaturkosten anstiegen und Einzeltruhen für Haushalte erschwinglich wurden, lösten sich die Gemeinschaften allmählich auf.

Durch den steigenden Strombedarf wurde um 1950 die Transformatorleistung mit 40 PS zu schwach. Besonders in der Erntezeit, in der zu viele Bauern gleichzeitig in ihren Scheunen die Dreschmaschinen mit Elektromotoren antrieben, "sprang" der Transformator wegen Überlastung häufig aus. Die daher vom Bürgermeister erstellte "Druscheinteilung" wurde nicht eingehalten, sodaß oft Streit entstand. Auf Drängen der Interessenten und Betreiben des Bürgermeisters hat die NEWAG 1953 die Trafo-Leistung auf 75 PS (55 kW) erhöht. Um l980 konnte das Ortsnetz von diesem Trafo mit einer damaligen Leistung von 160 PS (120 kW) nicht mehr ausreichend versorgt werden. 1982/83 wurde daher in der Ortsmitte neben dem Feuerwehrhaus ein zweiter Trafo errichtet, durch den die Gesamtleistung auf 260 PS (191 kW) erhöht wurde. Dadurch konnte auch der Wunsch nach Installation von Elektroheizungen befriedigt werden.

1974 errichtete die NEWAG im Zuge des Ortsbeleuchtungsumbaues ein freileitungsverkabeltes Ortsnetz, das leider durch seine dicken Leitungsstränge nicht gerade zur Verschönerung des Ortsbildes beiträgt. 1982/83 baute die Verbundgesellschaft über unser Gemeindegebiet eine Hochspannungsfreileitung, durch die aus Polen über Tschechien Strom eingeführt wird. Zur Errichtung der hierzu notwendigen Gittermasten erhielten die Grundbesitzer je 30.000 S Grundablöse.

Zum Abschluß kurz einiges zur Ortsbeleuchtung einst und jetzt: Wer vor der Jahrhundertwende abends ausgehen wollte, wünschte sich den Mond am Himmel, denn ohne sein Licht waren die Straßen stockfinster. Man bediente sich der guten, alten Stallaterne, die, mit einer oft noch selbstgefertigten Talgkerze bestückt, stets vor der Haustür zum Gebrauch bereit stand. Sie diente auch zur Beleuchtung von Pferdefuhrwerken. Nach 1905 war an der NO-Ecke des neu erbauten Milchhauses ein Laternengehäuse mit einer Petroleumlampe angebracht, die nur, wenn nötig, während der Öffnungszeiten des Milchhauses leuchtete. Auch bei der alten Bahnhaltestelle hat der "Bahnwächter" vor jedem Zug die Petroleumlampe am Wartehäuschen entzündet. Nach Einleitung des elektrischen Stromes leuchteten an den Straßen im Ortsbereich ca. 20 Glühlampen geringer Lichtstärke abends und morgens, denn auch die Gemeinde wollte Stromgeld sparen. Zur Zeit erhellen über 100 Neonröhren den Ortsbereich, sodaß selbst der Vollmond nicht mehr zur Geltung kommt.

 

 

[ Das Dorf ]