Auf der Suche nach dem verschwundenen Platter Schloß

Lange Zeit schon geistert ein angeblich durch ein Erdbeben spurlos im Boden versunkenes Schloß der Herren von Reut in den Köpfen der Platter herum; viele wollen seinen einstigen Standort finden, nach Überresten graben, beweisen, daß die sagenhaften Überlieferungen von einem einst herrschaftlichen Gebäude im Ort doch der Wahrheit entsprechen. Vermutungen bezüglich des möglichen Standortes reichten von der Höhe des südlich des Ortes gelegenen Sandberges über eine "Alter Turm" genannte Flur mit kleinem Hügel an dessen nördlichem Abhang bis zu dem in der Sage genannten und noch heute bekannten "Holzbrunnen", etwa 1km südlich des Platter Angers. Auch die Möglichkeit einer Zerstörung des Baues durch die Hussiten wurde und wird teilweise immer noch diskutiert. Die Suche nach dem Platter "Schloß" ist jedoch für den Wissenschafter keine einfache:
Oberirdisch gibt es keinerlei Anhaltspunkte, Begehungen einiger in Frage kommender Fluren mit einem Wüstungsforscher (als solcher sucht und erforscht man abgekommene Siedlungen, Gehöfte etc.) und Mitarbeiter des Archivs für Mittelalterarchäologie des Wiener Instituts für Ur- und Frühgeschichte blieben ebenfalls erfolglos, da keinerlei aussagekräftige mittelalterliche Streufunde (Keramikscherben und dergl.) gefunden wurden, auch Luftbildaufnahmen halfen nicht weiter. Blieben also nur noch die- in diesem Falle leider nur sehr spärlich vorhandenen- schriftlichen Quellen, u. a. zu finden im Niederösterreichischen Landesarchiv, St. Pölten, Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Wien und im Wiener Schottenstift.
Für das 15. Jh. ist zunächst ein im Besitz der Familie Reut (Rewter, Reith) befindlicher "klainer Hof zu Pladt" bezeugt, wenig später ein "groß hof". Die Mitglieder der Familie Reut waren Lehensleute der Hardegger Grafen. Im Jahre 1458 wird eine dem heiligen Ulrich von Augsburg geweihte Kapelle und ein offensichtlich damit verbundener Hof urkundlich genannt (Meßstiftung der Katharina Wacker), 1590 ein Gutshof an der Stelle der heutigen Platter Hausnummern 39 und 40 im Bereich des Angers. In einem Schreiben vom 22. Juni 1643- es handelt sich um einen Brief des damaligen Visitators für das Schottenstift in Wien, des Paters Seraphin Kirchmayr- wird im Zusammenhang mit dem ungebührenden Verhalten des Zellerndorfers Pfarrers u. a. das "Schloß Pladt.. mit klainer Capell" erwähnt; dies ist nun die Textstelle, auf die sich alle Hoffnungen der schloßsuchenden Platter richten. Doch der kritische Wissenschafter stellt sich folgende Frage: Ist es denkbar, daß besagter Pater Kirchmayr die durch frühere Nennungen bezeugte Platter Hofanlage nunmehr als "Schloß" anspricht? Ist das Gebäude in der ersten Hälfte des 17. Jh.s bedeutend ausgebaut worden, so daß eine Bezeichnung als "Schloß" gerechtfertigt schien?
Die nächsten überlieferten Nachrichten bezüglich des Platter "Schlosses", zwei kurze Stellen in Chroniken des 18. Jh.s., sprechen schon von herumliegenden Steinen: 1722 gibt Philibert Hueber - indem er sich auf das Jahr 1648 bezieht- in seinem Werk "Austria ex archivis mellicensibus illustrata" folgende (von mir aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzte) eher vage formulierte Stelle wieder: Platt anno 1648. Ein Dorf.....wo die Kirche des Hl. Ulrich steht....und dort (ibidem) zeigt man heraus-/hervorragende Steine, wohl die Trümmer einer sehr alten Burg (arx). Wußte man schon damals nichts Genaueres mehr? Meines Erachtens bedeutet obige Textstelle, daß die "Burg" offenbar mit der alten Ulrichskirche verbunden war und im Bereich des Angers bzw. eventuell des dortigen, ehemaligen(?) Gutshofes stand. Die schweren Verwüstungen im Zuge der Endphase des Dreißigjährigen Krieges im Gebiet um Pulkau und Zellerndorf - die Schweden hatten am 23. März 1645 ihr Hauptquartier im nahegelegenen Schloß Schrattenthal bezogen- und andere Indizien lassen darauf schließen, daß die Schweden auf ihren Plünderungszügen auch nach Platt gekommen sind und vielleicht das "Schloß" zerstört haben. In Georg Matthäus Vischers bedeutendem Werk "Topographia Austriae inferioris" von 1672, einer mit Kupferstichen ausgestatteten Landesaufnahme von Niederösterreich, welche Ansichten der wichtigsten Burgen, Schlösser und Städte des Landes zeigt, gibt es keine Abbildung einer Platter Burg/-ruine. Darf dies als sicherer Hinweis dafür gelten, daß es damals- etwa 25 Jahre nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges- offensichtlich wirklich nichts Interessantes mehr in Platt zu sehen gab, daß eventuell früher vorhanden gewesene Steintrümmer einer Burg, eines "Schlosses", schon lange abtransportiert und zum Bau von Weinkellern und Häusern wiederverwendet worden waren und somit der alte Bau eigentlich bis heute weiterlebt?
Im Jahre 1770 schließlich spricht Friedrich W. Weiskern in seiner "Topographie von Niederösterreich" in bezug auf Platt von "einem Dorf und einem Gut, mit den Bruchstücken eines alten Schlosses." Vielleicht hat Weiskern Huebers Werk gekannt und davon - ohne Überprüfung vor Ort und ins Deutsche übersetzt- abgeschrieben; dies erscheint sogar wahrscheinlich.
Bis zum Auftauchen neuer Erkenntnisse bleibt die Platter Schloßsuche jedenfalls spannend!

 

 

[ Das Dorf ]