Um die Wende zum 20. JahrhundertIm letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde die wirtschaftliche Lage unserer Bauern immer trostloser. Neben Mißjahren im Feldbau ging auch der Weinbau mit seinen "Einheimischen Kulturen" durch neue Krankheiten (Peronospora, Oidium), vor allem aber durch die mit amerikanischen Rebsorten eingeschleppte Reblaus total nieder. Jahrelang gab es fast keinen Ertrag, die Weingärten gingen ein. Viele Bauern konnten ihre Zahlungsverpflichtungen nicht mehr erfüllen, sie verpfändeten ihren Besitz an die "Vorschußkassen" Pulkau oder Wullersdorf und verloren ihn an diese bei Zahlungsunfähigkeit. Manche dieser "Abgewirtschafteten" suchten in der aufstrebenden Industrie der Großstadt ihren weiteren Lebensunterhalt, der Großteil blieb in Armut und Not im Dorf. In dieser Zeit hat die "Sozialdemokratische Arbeiterbewegung" in Platt Fuß gefaßt. So fand schon am 2. Juli 1893 hierorts eine sozialdemokratische Großversammlung statt, bei der laut Pfarrchronik "Reichsratskandidat Schumayr vor 3000 Zuhörern aus nah und fern sprach". Das Platter Reichsratswahlergebnis 1897 ergab daher auch 93 sozialdemokratische und 59 christlich-soziale Stimmen. 1901 gingen diese Wahlen wieder zugunsten der Christlich-sozialen Partei aus (Pfarrchronik). Im Jahre 1900 berichtet die Pfarrchronik von der Not in unserem Dorfe: "In den letzten drei Jahren sind 15 verschuldete Bauernfamilien um ihren Besitz gekommen. Einige haben bei Nacht und Nebel Haus und Hof verlassen und sind mit wenig Habseligkeiten nach Wien gezogen, um dort ein neues Leben zu beginnen". Der damalige Pfarrer P. Berthold Bayer hat durch seine guten Beziehungen nach Wien einigen dieser Familien zu Arbeit und Brot und Jugendlichen zu Lehrstellen verholfen. Nach der Jahrhundertwende ging es allmählich wieder aufwärts. Mit Hilfe von Landesmitteln begannen 1903 die Drainierungsarbeiten, um den Ertrag der Felder zu steigern und das Dorf zu entsumpfen. Gleichzeitig wurden Ortsbach und Feldgräben reguliert und feste Brücken gebaut. Durch den Bau der Landesstraße Platt - Guntersdorf, begonnen 1904 im Ortsgebiet, wurde der Weg zur Kirche verbessert, was der Pfarrer in der Chronik freudig vermerkte. Ja sogar Ansätze von Ortsverschönerung konnte man feststellen: Um 1900 wurden vor dem Kircheneingang Esche und Kastanie, nach 1905 um das neu erbaute Milchhaus Kastanienbäume gepflanzt. 1908 - zu Kaiser Franz Josefs 60-jährigem Regierungsjubiläum - hat die Gemeinde unterhalb des Pfarrhofes den "Kaiserpark" mit einer Kaiserbüste errichtet und auf dem Anger die "Kaiserlinde" gepflanzt. Sie steht noch heute neben dem Feuerwehrzeughaus. Nach der Bachregulierung ließen Gemeinde und Wassergenossenschaft Ortsplatz und Bachufer mit Obstbäumen bepflanzen, die auch bald zusätzlichen Ertrag brachten. Vordringlich aber war, dem Weinbau wieder auf die Beine zu helfen: Gegen das "Dürre" (Peronospora) hat man die Hauer mit Kupfervitriol und zu dessen Ausbringung in einer Kalkbrühe mit primitiven Spritzgeräten versorgt. Noch vorhandene alte Weinkulturen ("Einheimische" genannt) bekamen zur Reblaus-Bekämpfung Schwefelkohlenstoff-Einspritzungen in den Boden nahe dem Wurzelstock, was aber nur in durchlässigen Böden Wirkung zeigte. Man brauchte also Weinstöcke mit starkem Wurzelsystem, das der gefräßigen Reblaus standhalten konnte, also die starkwüchsige amerikanische Wildrebe, deren Wurzelsystem die Laus verkraften konnte. Ihr wird die einheimische Edelsorte aufgepfropft und in feuchtwarmem Raum (Treibhaus) zum Verwachsen gebracht. Nach einem Jahr in der Rebschule können die gut verwachsenen Veredelungen ausgesetzt werden. Diese zusätzliche und aufwendige Arbeit und vor allem das Rebveredeln mußte erst gelernt werden. 1903 vermerkt die Schulchronik einen Veredlungskurs, und nach einem Gemeindeprotokoll hat 1905 der Gemeinderat die Errichtung eines Treibhauses zum Vortreiben der Veredelungen beschlossen, das bis 1920 am NW-Rand der "Kühstallung" (heute Sportplatz) stand. 1909 haben laut Pfarrchronik die ersten "Amerikaner" getragen. Als Abwehr gegen Gewitter, die gerne, von NW kommend, am Sandberg "hängen bleiben", wurden 1902 auf Anraten des Pfarrers Wetterschießstationen errichtet, von denen aus man durch Böllerschüsse die Gewitterwolken zerreißen und dadurch ihre Wirkung abzuschwächen versuchte. Die Frühjahrsfröste machten unseren Hauern besonders um d. J. 1910 sehr zu schaffen. Wieder war es ein Aufruf des Pfarrers von der Kanzel, der zu gemeinsamen Maßnahmen bewog: Räuchermaterial (feuchtes Stroh und dgl.) wurde bei "Reifgefahr" in den Rieden vorbereitet, um nach nächtlichem Alarm durch "Trommeln" und "Blasen" gegen Morgen angezündet zu werden. Der so erzeugte dichte Rauch schützt leicht erstarrte Rebtriebe vor plötzlichem Auftauen durch direkte Sonnenbestrahlung. Der Bestand an Milchkühen war bis zum 2. Weltkrieg bedeutend und das "Milchgeld" eine sichere monatliche Einnahme, mit der Haushalt und laufende Ausgaben mehr oder weniger bestritten werden konnten. Vor 1905 hatten Händler im Ort Milchübernahmestellen, von denen sie die gesammelte Milch täglich abholten. Durch damals noch mangelhafte Kühlung mußte, besonders im Sommer, häufig saure Milch zurückgenommen werden - und bezahlt wurde auch schlecht. Da griffen die Bauern nach dem Raiffeisengedanken zur Selbsthilfe: In Wien, wo die Meiereien den Milchbedarf nicht mehr decken konnten, entstand mit Hilfe von Landesmitteln die NÖ. Landesmolkerei und in den Dörfern Milchgenossenschaften. Eine solche wurde 1905 auch in Platt gegründet. In Ortsmitte hat man ein Milchhaus mit einer Eisgrube und daneben einen Eisteich errichtet. Die Genossenschaftsmitglieder brachten die frisch gemolkene Milch zu festgesetzten Zeiten täglich ins Milchhaus. Da wurde sie gut gekühlt und am Abend oder nächsten Morgen in eigenen Kannen mit Pferdefuhrwerk zum Bahnhof Zellerndorf und von dort in Kühlwaggons nach Wien gebracht. Bezahlt wurde besser und die Abnahme war gesichert. 1948 übernahm die neu errichtete Molkerei in Hollabrunn die Milch unserer Genossenschaft, nach deren Stillegung 1971 die NÖ. Landesmolkerei (NÖM) in Wien. In den 80er Jahren ging der Rinderbestand und damit die Milchproduktion so zurück, daß die Milchgenossenschaft 1988 den Betrieb einstellte und das Milchhaus den wenigen Lieferanten noch als Übernahmsstelle zur Verfügung stellte. Seit 1992 holt ein Milchtankwagen der NÖM die Milch noch von drei Bauern. Das Milchhaus ist geschlossen.
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